Skip to content
Ratgeber · Führung in der Pflege

Vom Kollegen zur Führungskraft – wenn du plötzlich die führst, mit denen du gestern noch im Frühdienst standest.

Gestern habt ihr euch in der Pause noch über den Dienstplan beschwert. Heute machst du ihn. Der Schritt von der Kollegin zur Leitung ist einer der härtesten in der Pflege, und kaum jemand bereitet dich darauf vor. Dieser Wechsel passiert nicht von allein – er muss ausgesprochen, gestaltet und ausgehalten werden.

Dr. Martin WittschierDr. Martin WittschierCoach für Pflegedienstleitungen
ca. 8 Min. Lesezeit
Kostenlosen Selbstcheck machen

Warum der Wechsel ausgesprochen werden muss

Viele frischgebackene Leitungen hoffen insgeheim, dass sich der Rollenwechsel von selbst regelt. Dass das Team schon merkt, dass jetzt eine andere steht. Tut es aber nicht. Solange du es nicht benennst, bleibt für alle anderen die alte Kollegin im Raum, nur mit mehr Aufgaben.

Dein Team braucht ein klares Signal. Kein Machtgehabe, kein neues Auftreten von heute auf morgen, sondern ein ehrliches Gespräch: Ja, ich habe diese Rolle übernommen. Ja, manches wird sich ändern. Und nein, ich werde nicht so tun, als wären wir nie zusammen am Bett gestanden.

Dieses Aussprechen ist kein einmaliger Akt, sondern eine Haltung. Du machst transparent, was deine Rolle jetzt mit sich bringt und warum. Wer das Schweigen wählt, überlässt die Deutung dem Flurfunk, und der ist selten gnädig.

Nähe und Distanz, ohne kalt zu werden

Der größte Irrtum: Führung hieße, auf Abstand zu gehen und unnahbar zu werden. Das Gegenteil stimmt oft mehr. Gerade in der Pflege, wo Vertrauen über jede Schicht entscheidet, kannst du es dir nicht leisten, plötzlich zur Fremden zu werden.

Es geht nicht um Distanz statt Nähe, sondern um eine andere Art von Nähe. Du darfst weiter zugewandt sein, nachfragen, mitfühlen. Was sich ändert, ist die Klarheit in der Sache. Du kannst morgens herzlich nach der kranken Mutter fragen und nachmittags eine unbequeme Entscheidung treffen. Beides geht, wenn beide Seiten wissen, welcher Hut gerade auf ist.

Schwierig wird es bei echten Freundschaften im Team. Hier hilft kein Verleugnen. Sprich es direkt an: Unsere Freundschaft bleibt, aber im Dienst behandle ich dich wie alle anderen, sonst wird es für uns beide unmöglich. Das ist unbequem, aber es schützt eure Beziehung mehr, als wenn du heimlich Ausnahmen machst, die das Team früher oder später bemerkt.

Warum die erste Zeit alles prägt

In den ersten Wochen liest dein Team dich wie ein Buch. Jede Reaktion, jede vermiedene Entscheidung, jede Inkonsequenz wird registriert und eingeordnet. Nicht aus Bosheit, sondern weil Menschen wissen wollen, woran sie sind.

Genau hier liegt die Chance. Wenn du früh zeigst, dass du Entscheidungen triffst und auch unbequeme Themen ansprichst, statt sie auszusitzen, baust du Vertrauen auf. Wenn du dagegen aus Angst vor dem Konflikt mit den Ex-Kolleginnen kneifst, lernt das Team schnell: Bei ihr kommt man durch. Das wieder einzufangen ist deutlich schwerer, als es von Anfang an klar zu machen.

Das heißt nicht, dass du in der ersten Woche durchregieren sollst. Es heißt, dass du in kleinen Dingen konsequent bist, zuhörst, aber dann auch entscheidest. Diese frühe Verlässlichkeit ist das Fundament, auf dem später alles steht.

Stehst du gerade mitten in diesem Wechsel?

Wenn dich der Rollenwechsel mehr belastet, als du zugeben magst, bist du damit nicht allein – und es ist kein Zeichen von Schwäche. Der kostenlose Selbstcheck zeigt dir in 3 Minuten, wo du gerade stehst.

Selbstcheck starten →

Die typischen Fallen im Rollenwechsel

Manche Fehler passieren fast jeder neuen Leitung, weil sie aus guter Absicht entstehen. Wer sie kennt, erkennt sie früher bei sich selbst. Die meisten dieser Fallen haben eine gemeinsame Wurzel: die Angst, nicht mehr gemocht zu werden. Diese Angst ist menschlich, aber sie ist ein schlechter Ratgeber.

Worauf du achten solltest
  • Den Kumpel-Modus beibehalten, um bloß keine Distanz aufkommen zu lassen, und dann in Konflikten plötzlich autoritär werden
  • Alle Entscheidungen erklären und rechtfertigen wollen, bis aus Führung ein endloses Aushandeln wird
  • Aus schlechtem Gewissen Ausnahmen für ehemalige enge Kolleginnen machen, die der Rest des Teams sehr wohl mitbekommt
  • Unbequeme Gespräche aufschieben, bis aus einer Kleinigkeit ein handfester Konflikt geworden ist
  • Sich für die Beförderung quasi entschuldigen und dadurch die eigene Rolle von Anfang an kleinreden

Was du konkret in den ersten Wochen tun kannst

Theorie hilft wenig, wenn du am Montag vor deinem Team stehst. Deshalb hier ein paar konkrete Schritte, die sich in der Praxis bewährt haben. Wichtig ist nicht, alles perfekt zu machen, sondern dass du überhaupt ins Handeln kommst und nicht in der Schockstarre des Dazwischen verharrst, weder ganz Kollegin noch ganz Leitung.

Konkrete erste Schritte
  • Führe kurze Einzelgespräche mit jedem im Team, hör zu, was sie von dir und der Station erwarten
  • Benenne offen, dass sich deine Rolle geändert hat, und sag auch, was gleich bleibt
  • Triff früh eine erste kleine, aber klare Entscheidung und stehe dazu
  • Kläre für dich selbst, wo deine Grenzen liegen, was im Dienst nicht mehr geht, was privat bleibt
  • Such dir Unterstützung außerhalb des Teams – eine andere Leitung, ein Coaching, einen Ort, wo du offen reden kannst
Dr. Martin Wittschier
Über den Autor
Dr. Martin Wittschier
Coach für Pflegedienstleitungen

Dr. Martin Wittschier begleitet seit über 10 Jahren Pflegedienstleitungen dabei, gesund und wirksam zu führen. Promoviert zu Motivation und Handeln, praxiserprobt in der Caritas, hat er über 500 PDLs auf ihrem Weg begleitet – viele davon direkt beim Start in die Leitungsrolle.

Dr. – Promotion zu Motivation & Handeln10+ Jahre ErfahrungÜber 500 begleitete PDLsCaritas-erprobt
Mehr über das 6-Monats-Programm →
Häufige Fragen

Rollenwechsel – kurz beantwortet

Wie spreche ich mit meinem Team über meine neue Rolle?
Am besten ehrlich und früh, im Idealfall in einem gemeinsamen Gespräch und ergänzend in kurzen Einzelgesprächen. Benenne klar, dass du die Leitung übernommen hast, was sich ändert und was bleibt. Sei einfach klar und zugewandt – das nimmt dem Flurfunk den Wind aus den Segeln.
Muss ich Freundschaften im Team jetzt beenden?
Nein, aber neu sortieren. Sprich offen an, dass die Freundschaft privat bleibt, du im Dienst aber alle gleich behandelst. Das schützt die Beziehung und dich. Heimliche Ausnahmen für Freundinnen spalten Teams am schnellsten.
Wie werde ich von ehemaligen Kolleginnen ernst genommen?
Ernst genommen wirst du über Verlässlichkeit, nicht über Autorität. Triff Entscheidungen, steh dazu, sprich Unbequemes an, statt es auszusitzen. Wenn das Team merkt, dass du klar und fair bist, wächst der Respekt fast von selbst.
Was, wenn mich der Rollenwechsel überfordert?
Das ist normal und kein Versagen. Kaum jemand wird auf diesen Schritt gut vorbereitet. Hol dir Unterstützung von außen – eine erfahrene Leitung, ein Coaching, einen Austausch jenseits deines Teams. Allein im Kopf dreht sich vieles im Kreis.
Wie streng muss ich am Anfang sein?
Es geht nicht um Strenge, sondern um Klarheit. Du musst nicht durchregieren, aber in kleinen Dingen konsequent sein. Lieber von Anfang an freundlich klar als erst kumpelhaft und dann plötzlich autoritär.
Dein nächster Schritt

Du musst diesen Weg nicht allein gehen.

Der Schritt von der Kollegin zur Führungskraft ist kein Schalter, den du umlegst, sondern ein Weg, den du gestaltest. Wenn du das Gefühl hast, zwischen den Stühlen zu sitzen, lass uns reden – im Coaching finden wir einen Weg, der zu dir passt.

5,0 · Über 500 begleitete PDLs · Caritas-erprobt